Das ehrliche, berührende Interview mit Andrea.
Andrea ist 30ig Jahre alt, eine fröhliche, junge Frau – betroffen von Brustkrebs. Ihre Diagnose erhielt sie letzten Sommer (Juni 2025). Die Chemotherapie konnte sie im November 2025 abschliessen, zurzeit ist sie in Bestrahlungstherapie und wird sich noch einer Antikörpertherapie unterziehen müssen. Sie wird bereits medikamentös in die Wechseljahre versetzt, da der Tumor hormonabhängig ist.
Den Text haben wir bewusst so belassen, wie du deine Geschichte erzählt hast.
Wann und wie hast du bemerkt, dass sich etwas in deinem Körper verändert hat?
Ich persönlich habe nie etwas bemerkt. Ich habe mich zwar unter der Dusche abgetastet, der Knoten war jedoch so versteckt, dass ich ihn nicht ertasten konnte. Mein damaliger Freund strich mir, als ich im Bett lag über die Brust und sagte, dass er etwas spüre und da konnte ich den Knoten auch ertasten. Ich ging sofort zu meiner Frauenärztin und wollte das abklären lassen. Nachdem sie einen Ultraschall gemacht hatte, sagte sie mir, es sei ein Fibroadenom, ich solle mir keine Sorgen machen und in einem Jahr wieder in die Kontrolle kommen. Der Tumor war abgekapselt und schön rund. Deshalb schloss sie auf diese Diagnose. Ich habe mich immer wieder abgetastet, da es für mich schon sehr beunruhigend war, dass da plötzlich eine solche Veränderung war in meiner Brust.
Im Mai 2025 bemerkte ich, dass dieser Knoten schnell wuchs. Dann habe ich auch meine Mutter informiert und sagte ihr «Mami, irgendetwas stimmt nicht, es wird immer grösser». Sie ermutigte mich, wieder in die Kontrolle zu gehen, was ich auch sogleich tat. Wieder wurde ein Ultraschall gemacht, wieder hiess es Fibroadenom, ich solle mir keine Sorgen machen. Diese könnten bis zu 10 cm gross werden. Da entgegnete ich, dass ich das mit einer Biopsie kontrollieren lassen wolle. So wurde ich ins Spital geschickt, ich konnte zeitnah zur Untersuchung gehen. Dort wollten sie jedoch wiederum nur einen Ultraschall machen. Ich musste nachdrücklich sagen, dass ich bereits 2 Ultraschalle erhalten hatte und auf meinen ausdrücklichen Wunsch wurde erst die Biopsie durchgeführt. Bereits nach einer Woche erhielt ich den Anruf, ich solle ins Spital kommen, sie hätten einen Termin frei, da jemand abgesagt habe. Ich ging positiv eingestellt und deshalb auch alleine ins Spital. Dort erhielt ich die Diagnose: Brustkrebs.
Da brach für mich eine Welt zusammen.
Weil ich selbst im Spital als Dipl. Pflegefachfrau arbeite, wusste ich was da auf mich zukommen würde. Ich wusste vorher nicht, dass es so viele verschiedene Krebsarten gibt. Sogleich stand fest, dass ich eine Chemotherapie benötigte. Da der Knoten bereits 3 cm gross war, konnte keine Operation durchgeführt werden. Die nächste Frage lautete: Haben Sie den Wunsch, Kinder zu haben? Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keinen Partner. Trotzdem antwortete ich mit, ja. Mir war wichtig, mir diese Möglichkeit für die Zukunft offen zu halten und später nichts zu bereuen. Deshalb habe ich mich entschieden, meine Eizellen einfrieren zu lassen. All diese Informationen waren in diesem Moment zu viel für mich und ich fragte mich, was da alles auf mich zukommt. Ich muss an dieser Stelle jedoch betonen, dass die Ärzte und das Pflegepersonal mich sehr gut betreuten und ich fühlte mich in diesem Moment und auch in der darauffolgenden Zeit, wirklich gut unterstützt.
Mein Mindset war vorher immer positiv, ich sagte mir ich habe nichts, das ist eine Fettgeschwulst, mir ging es sehr gut, körperlich, seelisch, deshalb war ich sehr betroffen, als die Diagnose kam.
Wie war die Reaktion deines Umfelds und wie hättest du dir gewünscht, dass dein Umfeld (Familie, Freunde, Ärzte) reagieren würde?
Jede einzelne Reaktion von jedem einzelnen Menschen, war anders und individuell. Als ich meinen Eltern, Geschwister und Freunden von der Diagnose Brustkrebs erzählte, waren sehr viele verschiedene Gefühle dabei und ich durchlebte jede Reaktion selbst. Ich lachte darüber, weil ich dachte, das sei ein schlechter Witz – ich dachte, das ist ein Albtraum, bitte weckt mich auf – ich habe geweint – ich war verzweifelt, wütend – warum ich, – nicht wahr haben wollen – und all diese Gefühle habe ich bei jedem einzelnen gesehen, jeder ging anders damit um. Einige sagten, jetzt müssen wir rational bleiben, du kämpfst, du schaffst das – bis zum völligen emotionalen Zusammenbruch. Die Reaktionen waren komplett unterschiedlich und ich verstand jede und konnte sie mitfühlen, weil ich sie bereits durchlebt hatte. Jede Person war authentisch. Soll man sich zurückziehen? Soll man darüber sprechen? Ich war komplett überfordert und das habe ich bei meinen Leuten auch gesehen. Ich hätte mir keine anderen Reaktionen gewünscht ausser, die von meiner Frauenärztin. Sie sagte, als sie vom Spital den Bericht erhielt: „Sie haben ja gar niemanden in ihrer Familie, welcher Brustkrebs hatte – das ist jetzt ein Pech“. Ich konnte es nicht fassen und fragte mich, wie man als Frauenärztin so empathielos sei kann, wenn eine 30-jährige Patientin diese Diagnose erhält. Für mich war ganz klar, dass ich nie wieder zu ihr in eine Untersuchung gehen würde.
Meine Familie und meine Freunde sind durch diese Diagnose und in dieser Zeit zusammengewachsen und einander nähergekommen. Mein Arbeitgeber war wirklich grossartig. Sie sagten mir, jetzt kommst zuerst du und es wurde mir gar kein Druck gemacht. Ich hatte Angst, dass mir gekündigt werden könnte, musste mir jedoch keine Sorgen wegen meiner Arbeitsstelle machen. Das war sehr entlastend für mich. Die Ärzte sagten zu mir, ich müsse mir mindestens ein Jahr Zeit geben und könne während der Therapie nicht arbeiten. Ich habe immer 100% gearbeitet und dachte, im Januar bin ich wieder einsatzfähig. Jetzt sind wir im Februar und es ist eine Illusion, ich hätte die Kraft noch nicht zu arbeiten. Man kann sich Ziele setzen, sollte jedoch nicht enttäuscht sein, wenn es nicht klappt. Weil der Körper und der Geist sagen einem, was funktioniert und was nicht.
Ich fühlte mich so wohl im Spital, die ganze Zeit unterstützten mich die Ärzte und die Pflegenden sehr. Das hat mir sehr geholfen. Auch mein stabiles Umfeld gab mir Halt.
Wie sah deine Therapie aus?
Der erste Schritt war eine Eizellenentnahme, mit vielen Hormonen, damit die Eizellen reifen. Bei mir konnten in zwei Behandlungen «nur» 6 Eizellen entnommen werden. Eigentlich sollte man bei einer Behandlung circa 10 entnehmen können. Das war belastend für mich. Jetzt sage ich mir, ich habe alles gegeben, vielleicht werde ich auch auf normalen Weg schwanger, wenn ich es möchte. Ich glaube an Wunder und ich bin jetzt ruhiger bei diesem Thema. Man macht etwas durch, auch dieser Teil der Therapie war nicht einfach. Dann kam die Chemotherapie, den Port einlegen, einiges war neu für mich und vieles wusste ich durch meinen beruflichen Hintergrund bereits. Ich habe auf einer medizinischen Abteilung mit Krebspatienten gearbeitet und wusste, dass jeder anders auf eine Chemo reagiert. Übelkeit, Durchfall, Schleimhäute die sich verändern, dies ist ein Fakt, das passiert. Der Haarverlust war für mich als junge Frau, welche schon immer lange Haare hatte, das Schlimmste.
Jetzt bin ich in den Wechseljahren für 5 Jahre. Ich habe meine Mutter immer ausgelacht, wenn sie Wallungen hatte. Nun weiss ich, wie unangenehm diese sind. Momentan bin ich noch bis zum 13. Februar in der Bestrahlung. Und dann folgt die Antikörpertherapie bis im Juli 2026. Ich bin nun krebsfrei, das ist das Wichtigste für mich. Ich musste auch noch einen Gentest machen. Wenn es bei mir genetisch wäre, hätte ich beide Brüste abnehmen – und spätestens mit 40 Jahren dann auch die Gebärmutter entfernen lassen müssen. Im November war dann klar, dass ich keine Genmutation habe und vor Weihnachten hatte ich eine Operation, welche brusterhaltend durchgeführt werden konnte. Der Tumor war bereits durch die Chemotherapie sehr zurückgebildet und konnte gut entfernt werden. Auch drei Wächterlymphknoten wurden entfernt, zur Sicherheit. Es war nichts nachweisbar darin, keine Metastasen waren vorhanden, deshalb bin ich seit dem 23. Dezember 2025 krebsfrei. Das war das schönste Weihnachtsgeschenk für uns alle.
Als ich im Juni die Diagnose erhielt, sagte ich mir, ich starte das neue Jahr 2026 krebsfrei. Nun ist es so und ich bin sehr glücklich darüber. Es ist crazy, wenn ich das letzte halbe Jahr an mir vorüberziehen lasse. Immer wieder tauchen Erinnerungen an Momente auf, welche wir zusammen durchlebt haben. Als der Haarausfall begann, liess ich mir die Haare kürzer schneiden. Das war schon gewöhnungsbedürftig. Dann im August, bereits nach der ersten Chemotherapie, als ich mir mit den Fingern durch die Haare fuhr und ein Büschel in der Hand hielt, war klar, dass alles wegrasiert werden muss und es brach eine Welt zusammen. Ich ging zum Coiffeur, liess mir die Haare ganz kurz schneiden, fühlte mich jedoch sehr unwohl. Was mir sehr geholfen hat, waren meine Freunde. Sie kamen zu mir und meine besten Freundin organisierte ein Ritual für mich. An einem Sommerabend, bei mir auf dem Balkon, rasierten sie mir alle Haare ab. Zu sechst waren wir, assen etwas zusammen und dann machten sie mir alle möglichen Frisuren, Side-cut, Irokesenschnitt, immer mehr Haare fielen auf den Boden, bis alle weg waren. Der schlimme Moment wurde für mich zu einem sehr schönen. Meiner Freundin habe ich vom heutigen Interview erzählt und sie sagte zu mir, dass dieser Moment eine Befreiung war für sie und für mich. Alle alten Erinnerungen, welche in den Haaren steckten, wurden weggeschnitten und ein ganz neuer Start wurde gemacht. Ich habe ein neues Ich kennengelernt, bin ein neuer Mensch, habe eine neue Identität und eine neue Stärke. Ich habe gelernt, für mich einzustehen, kann jetzt sagen, dass ich stolz bin auf mich. Es macht so vieles mit einem, das ganze Negative, die Diagnose, die Angst und alles. Ich bin so ein lebensfroher Mensch und habe so tolle Menschen um mich herum, ich weiss wohin ich will und ich kann nur stärker aus dieser Zeit herauskommen. Aufzugeben war nie eine Option und ich konnte auch die schlechten Tage zulassen. Oft ging es mir nicht gut, es wäre gelogen, wenn ich etwas anderes erzählen würde. Man macht viel mit sich selber aus, weil man seine Familie und seine Freunde schützen will. Auch das Umfeld sagt nicht alles und es muss auch nicht alles ausgesprochen werden. Aber festhalten, wohin man gehen will. Meine Haare wachsen jetzt wieder und es ist ein kompletter Neustart. Wichtig ist, dass man die negativen Dinge ins Positive mitnimmt und daran festhält.
Welche Highlights hast du erlebt in dieser Zeit?
Die persönliche Entwicklung, dass ich für mich eingestanden bin. Ich habe gelernt nein zu sagen. Ich bin immer noch da, hilfsbereit, jedoch nicht mehr immer verfügbar. Manchmal brauche ich Zeit für mich, das ist auch ok. Ich sage es, wenn mich etwas stört. Wenn ich abgemacht habe und zu müde bin, dann sage ich ab. Ich stehe an erster Stelle.
Auch im Bezug auf die Fachstellen, bei welchen man Hilfe erhält. Zum Beispiel auch bei Look Good Feel Better. Ich war am Workshop und habe dort eine andere Betroffene kennengelernt. Das ist mein grösstes Highlight aus diesem Workshop. Es hat sich eine Freundschaft entwickelt. Sie ist so alt wie meine Mutter und wir sind Freundinnen geworden. Ich kam ungeschminkt an den Kurs, die Haut verändert sich, sie wird bleich. Die Augenbrauen fielen erst bei meiner letzten Chemotherapie aus. Ich lernte, mit wenigen Schritten mich zu schminken, so dass ich gesünder aussah und mir besser gefiel. Die Produkte haben mir sehr gefallen. Man hat so viele Fragen, welche Pflegeprodukte nehme ich, etc. Es war so schön, nicht alleine zu sein und sich mit anderen auszutauschen. Ich war mit Abstand die Jüngste, das war krass. Alle litten mit mir. Egal in welchem Alter man ist, man sollte die Hilfsangebote, welche es gibt nutzen und Hilfe annehmen. Es gibt so viele Organisationen, die man gar nicht kennt, weil man keine Berührungspunkte hat, wenn man nicht betroffen ist. Auch wenn man nicht ein so tolles Umfeld hat wie ich, man ist nicht alleine. Man darf für sich einstehen und muss sich nicht zurückziehen.
Die Selbstbildstörung, wenn man sich im Spiegel anblickt, das ist schon schwierig. Aber jetzt habe ich wieder Haare, sie wachsen und ich kann wieder ohne Perücke umherlaufen. Es tut der Seele gut, wenn die Menschen um einen herum sagen, du siehst gut aus. Aber selber gefällt man sich halt besser mit langen Haaren. Es brauch alles Zeit. Auch der Gewichtsverlust von 14 Kilos war nicht einfach. Man hat weniger Muskelmasse, weniger Kraft. Ich muss wieder lernen zu essen und Freude daran zu haben. Alles hatte einen metalligen Geschmack. Jetzt normalisiert es sich wieder, aber die Freude am Essen ist noch nicht zurückgekommen. Ich bin in Behandlung bei einer Psychoonkologin, das hilft mir und das kann ich jedem empfehlen. Es ist nicht nur körperlich, wenn man eine Chemotherapie durchmacht, sondern hat auch Auswirkungen auf die Psyche. Darüber zu sprechen hilft.
Ich bin auch bei einer Ernährungsberaterin. Meine Freunde helfen mir. Alleine koche ich nichts, wenn ich in Gesellschaft bin, fällt es mir leichter. Ich war immer ein Chips-Fan, jetzt habe ich keine Lust darauf.
Nebst der Diagnose selber war für mich der Haarverlust das Schlimmste und jetzt stehe ich vor der Herausforderung, die Freude am Essen wieder zu finden.
Die Perücke, das war zuerst ein schwieriges Thema. Ich wusste nichts darüber. Leider ging ich zu einem Coiffeur, welcher mir eine Perücke mit synthetischen Haaren verkaufte, ohne den Kopfumfang zu messen. Ich konnte die Perücke anhand von Fotos aus einem Katalog aussuchen. Ich hatte keinen Vergleich, wusste aber, dass ich schnell eine Perücke benötigte und habe dann meine Zusage gegeben, so dass diese bestellt wurde. Sie passte mir nicht, ich hatte Druckstellen bei den Ohren. Ich durfte sie nicht beim Kochen anziehen, wegen dem Geschmack der haften blieb, auch sonst fühlte ich mich nicht wohl damit, deshalb zog ich sie nie an. Als ich bei meinem Bekannten einen Besuch machte, ohne Perücke, mit meinem Käppchen auf dem Kopf, war dort eine Frau, welche mich zur Seite nahm und mir zeigte, dass sie auch eine Perücke hatte. Sie gab mir die Adresse, wo sie ihre Zweithaare her hatte. So beschloss ich, dass ich dort auch hinfahre und das hat mein Leben verändert. Ich erhielt eine passende Echthaarperücke, welche ich stylen konnte und fühlte mich endlich wieder wie ich selbst. Das war ein Moment, in welchem ich wiederum bemerkte, dass ich für mich einstehen muss. So ging ich zum ersten Coiffeur, welcher mir die unpassende Perücke verkauft hatte, brachte diese zurück und forderte mein Geld zurück. Ich musste kämpfen, jedoch war ich schlussendlich erfolgreich. Ein Misserfolg, welcher mich stärker gemacht hat, weil ich für mich selbst eingestanden bin. Auch mit der Krankenkasse hatte ich schwierige Situationen. Ich kämpfte von Juli bis Anfangs Dezember, weil sie die Rechnungen für die Behandlungen nicht bezahlen wollten. Die CEO der KK hat sich dann bei mir gemeldet, sich entschuldigt und mir versprochen, dass jetzt alles in Ordnung käme. Die Behandlung war von der Kostengutsprache abhängig. Ich erhielt Medikamente, welche die Eizellen reifen liessen, hatte den Termin für die Entnahme und musste zeitnah mit der Chemotherapie beginnen. Auch die Kostengutsprache für den Gentest dauerte 2 Monate, bis ich sie erhielt. Ich sass bei dem Termin, ohne diese erhalten zu haben und musste entscheiden, ob ich den Eingriff machen lasse, mit dem Risiko, dass die Kasse ihn nicht bezahlt. Mir war klar, dass ich diesen Test machen lassen wollte, um Klarheit zu erhalten. Das sind Hürden und man weiss nicht, was auf einem zukommt. Zum Glück hat die Krankenkasse dann doch alles bezahlt. Ich musste kämpfen und es raubte mir viel Kraft. Die Spritzen, welche ich erhielt, wurden mir vom Arzt verschrieben und von der Apotheke übergeben. Niemand machte mich darauf aufmerksam, dass diese nicht von der Krankenkasse übernommen werden. Mittlerweile ist es in Ordnung gekommen und ich bin sehr dankbar.
Es ist unvermeidbar, dass Hürden auf einem zukommen. Die Frage stellt sich jedem, wie gehe ich damit um? Nimm jeden Funken Stärke, welchen du noch in deinem Körper hast und nimm jede Hilfe, die sich dir bietet, in Anspruch. In der ersten Sitzung mir meiner Psychoonkologin, fragte ich sie, ich möchte wissen, wo diese Stärke herkommt, welche ich spüre. Sie sagte zu mir, nimm sie, ohne zu fragen, woher sie kommt. Ich konnte viele Fragen nicht beantworten. Ich bin sehr strukturiert und gebe die Kontrolle ungern ab, sei es im privaten oder geschäftlichen Umfeld. Mir dieser Diagnose musste ich einfach alles aus der Hand geben. Ich hatte keine Kontrolle mehr. Ich erklärte meiner Psychologin, in meinem Hirn sieht es so aus: ich habe einen Stapel Papiere im Arm, welche ich sortiere und dann lege jedes Blatt in eine Schublade. Plötzlich war da eine Seite mit lauter Fragezeichen und ich wusste nicht, wohin ich dieses Blatt versorgen sollte. Ich hatte keine Schublade dafür. Sie gab mir den Tipp, eine solche zu erschaffen und diese Fragezeichen-Blätter dort hineinzulegen. Ich könnte sie dann von Zeit zu Zeit hervorholen und vielleicht würde sich das eine oder andere Fragezeichen auflösen. Das war in der ersten Therapiesitzung und hat mich durch diese ganze Zeit hindurch begleitet.
Bei meiner ersten Chemotherapie erhielt ich von meinem Bruder eine Sprachnachricht. Er sagte: «Hallo kleine Schwester, heute beginnt der Tag deiner Heilung. Du weisst, dass nach jedem Regen die Sonne wieder scheint». Und es war so, die Sonne kam immer wieder. An solchen Sachen und Aussagen hält man sich fest. Vor allem wenn sie von einem grossen Bruder kommen. Ich bin stolz auf ihn und auf das, was er tut. Er sagte mir, dass er stolz sei auf mich und dass er nicht gewusst habe, dass ich so viel Kraft in mir habe. Das sind die Momente, die zeigen, dass plötzlich alles andere wichtig wird und nicht mehr die Probleme von einem «normalen» Leben. Es kam alles wie es musste. Ich sage jedem der betroffen ist: Gib nicht auf, steh für dich ein. Auch wenn es schwierig ist und du meinst, du hast keine Kraft mehr. Nimm alle Hilfe, welche dir geboten wird, an. Auch wenn man keine Lust hat, zieh dich nicht zurück. Ich fühlte mich irgendwie „schmutzig“, ich kann es nur so ausdrücken, durch die Nebenwirkungen der Chemotherapie. Man erbricht, ist auf die Hilfe von anderen Menschen angewiesen. Als meine Mutter und mein Vater, welche mich so unterstützt haben, bei mir waren und das WC geputzt haben. Es war mir peinlich, ich bin doch erwachsen. Aber es verändert sich einfach alles in einer solchen Zeit. Hilfe annehmen und anfordern, das ist sehr wichtig. Ich hatte Mühe damit, ich schaffe gerne alles alleine. Aber die Hilfe von Freunden und Organisationen wie LGFB anzunehmen, ist in diesem Moment sehr wichtig.
Du bist jetzt krebsfrei, wie geht dein Leben nun weiter?
Ich hatte in dieser schwierigen Zeit keinen Partner. Als die Chemotherapie fertig war, spürte ich, dass ich wieder mal in einen Club gehen möchte, zum Tanzen, die Musik fühlen, alles auf die Seite legen können.
Meine Freunde begleiteten mich, gingen dann jedoch bald wieder nach Hause. Ich blieb und lernte einen netten Mann kennen, welcher anfing mit mir zu sprechen. Das hätte ich als letztes erwartet, dass ich dort jemanden kennenlernen würde. Ich war damals noch nicht krebsfrei, deshalb sagte ich es ihm direkt: Hey, ich habe Krebs. Er war erstaunt und fragte mich, ob es mir gut gehe. Ich sagte ja, ich stehe hier und es geht mir gut und es kommt gut. Und seit dann sind wir uns am Kennenlernen. Ich durfte letztes Wochenende seine Mutter und ihren Partner kennenlernen.
Es ist wichtig, den Mut zu haben und über die Krankheit zu sprechen. So geht jetzt auch mein Leben weiter. Ich habe jemanden an meiner Seite, welcher mich so nimmt wie ich bin, wenn ich mich eigentlich am unwohlsten fühle. Ich bin stolz auf ihn, ich bewundere ihn und es zeigt einfach die Menschlichkeit. Ich weiss, dass auch der Arbeitsalltag jetzt bald wieder kommen wird. Es ist so unvorstellbar für mich, weil ich seit dem letzten Juni nicht mehr arbeiten konnte. Ich muss den Weg wieder zurückfinden. Es ist so schön für mich, dass mein Arbeitgeber keinen Druck auf mich ausübt. Er fragte immer wieder nach, wie es mir gehe und sagte mir deutlich, dass ich erst wieder zurückkommen solle, wenn ich mich stark genug fühle. Ich werde voraussichtlich im Mai/Juni 2026 wieder mit dem Arbeiten beginnen. Einfach langsam, so wie es geht. Und das ist jetzt der nächste Schritt, wieder zu arbeiten nach meiner Diagnose. Mein Alltag war auch während der Krankheit da, ich war unterwegs und unternahm Dinge. Das rate ich jedem, nicht zu Hause bleiben und den Kopf hängenlassen. Raus an die frische Luft gehen. Ich ging mit Freunden in die Berge, konnte jedoch nicht Snowboarden, einfach ein wenig spazieren. Das tat mir gut.
Die Hürde des Arbeitsbeginns nehme ich als nächstes. Das wird mich körperlich und psychisch fordern. Ich arbeite in einer psychiatrischen Klinik mit Patienten und muss jetzt zurückfinden. In jedem Job hat man Belastungen, je nach Stress. Und sich dort einfach Zeit lassen. Ich dachte zuerst, im Januar werde ich wieder arbeiten. Das war eine Illusion, aber jetzt ist es ok, ich musste es akzeptieren. Der Alltag verunsichert einem schon. Ich habe das Gefühl, ich hätte jetzt beinahe ein Jahr verpasst. Das Geschäft ist nicht stehengeblieben. Es ist wie ein Neustart auch im Geschäft, obwohl ich bereits längere Zeit dort gearbeitet habe.
Und richtige Ferien möchte ich wieder einmal machen. Wir gehen im März in die Berge. Ich nehme mein Snowboard mit und wenn es funktioniert, dann ist das toll, wenn nicht ist es auch ok. Auch ans Meer möchte ich wieder einmal gehen. Und im Sommer mache ich ein grosses Fest mit allen Freunden, um miteinander anzustossen. Nicht nur ich war und bin betroffen, das ganze Umfeld ist mitbetroffen und leidet mit. Ich bin immer sehr offen mit dem Thema umgegangen. Ich habe auch im Brustkrebsmonat Oktober einen Insta-Post gemacht und mich gezeigt und habe danach viele schöne Reaktionen erhalten. Auch wenn es mir damals schlecht ging, war das doch eine sehr schöne und ermutigende Sache. Ich habe die Kommentare immer wieder gelesen, der Zuspruch tat mir immer wieder gut.
Ich habe eine andere Krebspatientin kennengelernt. Sie kann nicht so offen damit umgehen. Wir sprechen oft darüber und es gibt kein richtig oder falsch. Für mich war es der richtige Weg, offen mit diesem Thema umzugehen. Ich kenne so viele Menschen und wusste, dass ich sie damit konfrontieren darf, weil ich ja anders aussehe. Ich wollte mich nicht immer erklären, so wussten alle Bescheid.
So habe ich Menschen getroffen, welche bereits wussten, was mit mir passierte. Sie hatten Tränen in den Augen und ich musste nicht immer wieder erklären, was los war. Das hat mir geholfen.
Was möchtest du anderen Betroffenen sagen?
Niemals aufgeben, Zweifel sind normal und ok, Stärke zeigen, durchhalten, darüber sprechen. Sei es im Umfeld, mit Psychoonkologen, damit man das, was einem beschäftigt sofort loswerden kann. Sich selbst anschauen und zu wissen, es kommt wieder gut, deine Wimpern, Brauen und Kopfhaare wachsen wieder. Gerade bei Frauen, egal welchen Alters und auch Männer, alle erleben viele Hürden in dieser Zeit. Das Körperbild, welches sich verändert, das ist brutal. Wir sind so viel mehr als das, was man von aussen sieht. Die eigentliche Schönheit kommt von innen. Schönheit von aussen ist vergänglich, man hat immer etwas an sich auszusetzen oder irgendeinen Komplex. Das Aussehen ist nicht das, was uns ausmacht, es ist immer der innere Mensch.
Herzlichen Dank für das ehrliche und berührende Interview, liebe Andrea. Wir wünschen dir von Herzen alles Gute.



